Miriam Bajtala
Lisa Truttmann

Nach den Türen


Nach den Türen

Text, Patrick Holzapfel

Ich frage sie: «Und hier hast du einmal gelebt?» und sie rollt nur die Augen und schaut sich um, als wäre sie nicht sicher. Wir schauen auf Zerfallenes, Überwachsenes, Vergangenes, Beinah-Vergessenes. Wir schauen auf ihr Leben. Sie zeigt mit dem Finger auf eine Stelle und sagt: «Hier war die Tür. Lass uns reingehen.»
Der Versuch einer Beschreibung, Grundrisse einer Erinnerung. Wir gehen auf leerstehenden Flächen und ich sehe ihr dabei zu, wie sie Striche auf ein Papier zeichnet: «Das war die Wand und dahinter habe ich von einem anderen Leben geträumt», sagt sie und dann korrigiert sie sich: «Oder doch nicht. Die Wand könnte auch dort gewesen sein.» Um mich herum errichtet sich mit jedem Schritt Gemäuer, Möbel werden verschoben, Lampen montiert, eine Gabel gefunden, jene, die besonders silbrig glänzte. Während ich ihr folge, setzen sich die Zimmer zusammen und zugleich zerfallen sie wieder. Manche Fenster führen nach draußen, in eine andere Welt, andere Türen weiter in die Räume, die sich ineinander stapeln wie abgefallenes Laub auf dem Boden unter den Bäumen.
Es sind keine festen Räume, sie atmen und leben, obwohl sie nicht mehr sind. Wir gehen durchs Laub, es raschelt wie die Zeit. Ich will von ihr wissen, was die Orte, an denen wir Zeit verbrachten, über uns erzählen. Aber die Räume erzählen erstmal unabhängig vom Ich. Was bedeutet es einem Raum schon, wer in ihm gelebt hat? Alles, denke ich. Nichts, denke ich. Sie malt einen weiteren Strich und beschreibt, was sie sieht. Ich versuche, den Räumen zu lauschen, sie sprechen eine eigene Sprache. Es ist die Sprache derjenigen, die immer da waren, die man aber erst wahrgenommen hat, als sie es nicht mehr waren. Man hat diese Sprache nicht gelernt und jetzt muss man von ihr lernen.
Ihre Räume können nicht mehr begangen werden. Es sind Schwellenkammern, fremdgewordene Zimmer, aus dem Unterbewusstsein schimmernde Möbel, Assoziationsräume. Trotzdem stehen wir jetzt in den Zimmern, in denen sie lebte. Es ist ein einziger großer Raum. Hier hat sie geschlafen, dort lagen ihre Notizbücher, dort hat sie am liebsten Musik gehört. Sie wollte nur hier sein, sie wollte nie hier sein. Sie war hier. Es ist seltsam, aber zwischen Tisch und Regal bekomme ich kein Gefühl für die Maße des Raumes oder architektonische Details, stattdessen bekomme ich ein Gefühl für die Person, die hier gelebt hat. Als würde sich die Patina eines Lebens an den Wänden absetzen, als würden die Zimmer im Rhythmus derjenigen atmen, die in ihnen gelebt haben. Das merkt man noch Jahrzehnte später, das ist das leise Zittern, das einen manchmal überkommt in einem Raum, das die einen für Geister, die anderen für nahenden Kopfschmerz und wieder andere für die Ausdehnung der Baumaterialien halten.
Sie fragt mich: «Wo wären wir, wenn uns die Räume abhanden kämen?» Ich habe keine Antwort, aber sage: «Wir wären nicht, wir wären nie gewesen.»  
Lisa Truttmann und Miriam Bajtala begehen Räume, die sie nicht mehr betreten können. Dazu nutzen sie verschiedene Formen der künstlerischen Raumarchivierung: Film und Worte, Töne und  Objekte, Material und Gedanken. Sie wetten darauf, dass etwas geblieben ist von den Orten, in denen sie gelebt und gearbeitet haben. Erinnerungen, Träume, Ideen, Erkenntnisse, Denkwürdigkeiten und Verdrängtes, das in den Korridoren abgelegt wurde. Sie bauen neue Räume, in denen die alten Räume weiterleben können. Um Anzukämpfen gegen das Verschwinden der Dinge, der Räume und des Ichs muss diese Wette gewonnen werden. Ihres ist ein Erinnern nach den Türen wie andere dichten nach der Natur.




Miriam Bajtala

Eins zu Eins (18 Räume) seit 2020
One to One (18 rooms) since 2020

Zeichnungen mit Farbstift
drawings with colored pencil
Gesamtgröße total size: 12 x 9 m

hier here: 6 Teilzeichnungen mit je 
partial drawings with 70 x 70 cm each

Lisa Truttmann

Nach der Tür, 2025

5-Kanal Audio Installation, 6:19 min.
Stimme/Voice: Lisa Truttmann,

Technische Unterstützung: Gerald Roßbacher