Miao Fangping
Hanne Jannasch
Schild und Spiel 戏与盾

© Miao Fangping and Hanne Jannasch
Exhibition: 08—26. 01. 2026
Opening Thursday 08.01.25, 7-10 pm
Saturday 17.01.25, 2 pm,
a collective poetry reading led by Regina Menke.
Text by Regina Menke
Die eigentümliche Zeitlichkeit eines Ausstellungstextes. Imagination einer räumlichen Anordnung, fingierte Erinnerung, aber eigentlich Zukunft, mehr Antizipation als Response. Dafür aber Austausch, visuelle und sprachliche Materialien, die aufeinander rückwirken, einander treffen an nicht vorhersehbaren Punkten.
Wo beginnt Verfremdung?
Geraniennamen, Verwechslungsgefahren. Im 17. Jahrhundert gerieten Pelargonien über koloniale Handelswege nach Europa. Sie wurden zunächst fälschlicherweise als Geranien klassifiziert. Nahezu ironisch, dass koloniale Sammelbewegungen und die Ignoranz gegenüber bereits vorhandenen Namen in afrikanischen Sprachen in dieses taxonomische Missverständnis mündeten. Für das europäische Klassifikationssystem wurde die Verwechslung korrigiert, im alltäglichen Sprachgebrauch hat sie sich jedoch gehalten.
Géranos: Kranich, pelargós: Storch. So viele Tiere, ehe man sich versieht! „Würde man streng etymologisch vorgehen, wäre es also korrekt, die bisherigen Storchschnäbel in Kranichschnäbel umzubenennen und die Pelargonien als Storchschnäbel zu bezeichnen“, heißt es in einem Infoblatt des botanischen Gartens in Wien.
Das Künstliche als vorgängig begreifen.
Stelle mir vor / erinnere mich: Hände, die mit einem 3-D-Scanner an der Pflanze entlangfahren. Bilder / Daten, die ihren Hang zur Nachahmung zurückhalten müssen, sich auf einer zweidimensionalen Fläche anordnen.
Was ist eine Schonhaltung?
Mein Sehsinn entpuppt sich als unzuverlässig, erfindet immer etwas dazu: In meiner Vorstellung ist Schonhaltungen, aber neuer Modus mit vielen kleinen Nadeln übersäht, die die glatte Oberfläche der Rollen durchstechen. Stacheln, die die Rollen entwickelt haben, um Neugierige fernzuhalten, etwas Eingerolltes zu verteidigen, das nicht preisgegeben werden darf?
Die Kastanien hingegen haben sich ihrer stachligen Fruchthülle bereits entledigt. Bereitschaft, gesammelt zu werden. Zu fallen.
Überhaupt denke ich über Richtungen nach. Einrollen als eine Bewegung von außen nach innen, in a blind spot right before the forehead der Blick nach außen, der die Landschaft an zufälligen Stellen trifft. Aber die Tiere haben noch andere Augen. Im toten Winkel der Kamera, ein Stück weiter unten?
Die Winkel vergleichen. Erneute Verwechslungsgefahr. Der Ausdruck ‚Gesichtsfeld‘ beschreibt den Bereich, in dem ohne Zuhilfenahme von Kopf- oder Augenbewegungen visuelles Wahrnehmen möglich ist. Die leicht verschobenen Gesichtsfelder von Pferden und Schafen, überhaupt: nur näherungsweise Angaben. Schafe haben ein horizontales Gesichtsfeld von 270 bis 320 Grad, wobei es eingeschränkt sein kann, wenn sie viel Wolle im Gesicht haben. Pferde haben ein Gesichtsfeld von bis zu 350 Grad, mit einem toten Winkel direkt vor der Nase und direkt hinter dem Schweif. Ein Mensch sieht mit nach vorne gerichteten Augen im Durchschnitt etwa 180–200 Grad seines horizontalen Umfeldes.
Etwas darstellen, das nur ein kleines Stück außerhalb von einem selbst ist; sich an den Punkt herantasten, an dem Fiktion entsteht.
In der deutschen Sprache kann Winkel sowohl ‚corner‘ als auch ‚angle‘ meinen.
Etwas aus den Augenwinkeln sehen: To see something out of the corner of your eyes.
用余光瞥见: Using the remaining light to catch a glimpse.
In den Ecken meiner Augen / in the angles of my eyes: Unübersetzbare Reste.
Die Kraniche sind längst aufgebrochen. Erinnerung an die Schatten, die sie für einen kurzen Moment auf dem Asphalt hinterließen, als die Sonne schon tief stand. Wunsch, diese Landschaft zu greifen, sie besser verorten zu können. Ich fahre Zug, nach Südwesten, gerate in Halbschlaf. Nehme aus den Ohrenwinkeln eine Stimme wahr, die nicht an mich gerichtet ist: Wo reisen Sie hin?



















